Zwischenbericht, August 2018

Zwischenbericht, Dezember 2016

Einleitung. Geschichte

Die drei höchstmineralisierten Heilquellen, Luzius, Bonifazius und Emerita in Nairs-Tarasp wurden schon von Paracelsus besucht und gelobt. Unter einer einfachen Hütte wurden die Quellen gefasst und das Wasser während Jahrhunderten zu Heilzwecken verabreicht.

In den Jahren 1862 – 1864 entstand in Nairs das imposante Kurhaus Tarasp mit 270 Gästebetten. Die TSCHAG (Tarasp Schuls AG) beauftragte damals den renommierten Architekten Felix Wilhelm Kubly mit der Planung und Ausführung des ersten Grandhotels im Unterengadin. 1875 erbaute der international bekannte Glarner Architekt Bernhard Simon (Glarus, St. Gallen, St. Petersburg, Bad Ragaz) die neue „Büvetta“ anstelle ihres brunnenstubenartigen Vorgängerbaus. Mit ihrer 80 Meter langen Wandelhalle mit Verkaufsbuden und Orchesterbühne orientierte sie sich an den Trinkhallen in Karlsbad oder Baden-Baden. Simon erfand jedoch für den spezifischen Ort Nairs die Typologie einer Trinkhalle, die in ihrer Struktur einzigartig in Europa ist.

Die Pioniere des 19. Jahrhunderts haben auf der Basis der Quellen ein damals autarkes Kurensemble entstehen lassen, das die eigentliche Wiege der Tourismusentwicklung im Unterengadin darstellt.

Nach den Hochblüten im Tourismus folgten nach den beiden Weltkriegen magere Jahre. Der Versuch in den 60-er-Jahren mit der "Modernisierung" der Halle durch das Auskleiden der Wände und Decke mit Pavatex und der Böden mit Kunststoffbelägen war erfolglos.

Die Trinkhalle wurde im Jahre 2006 geschlossen und seither nicht mehr unterhalten.

 

Zustand heute. Zwingender Handlungsbedarf

Wandelhalle und Kuppelgebäude

Die in Holzbau erstellte Wandelhalle mit rundum prächtigem Arventäfer wartet geduldig auf das Entfernen des Pavatex. Die Marder sind bereits an der Arbeit. Die Geländebewegungen zwischen Fels, Gebäude und Innufer setzen dem Langbau trotz seiner relativen Elastizität merklich zu. Die Büvetta liegt im geologischen "Unterengadiner Fenster“, das öfters für kleinere Felsabbrüche sorgt. Die vor wenigen Jahren vorgesehene Festlegung einer Gefahrenzone im Bereich des Kuppelgebäudes konnte zwar sistiert - aber nicht aufgehoben - werden.

Als nächste Handlung muss das historische Gebäude unter Denkmalschutz gestellt und der Fels östlich des Kuppelgebäudes saniert werden. Die Planung für die Unterschutzstellung ist gemacht und für die Felssanierung liegt ein Konzept vor.

Die imposante oktogonale Rotunde ist als Massivbau das grösste Kuppelgebäude im Kanton Graubünden. Sie steht unmittelbar vor der Felswand. Der Zwischenraum von 0,5 bis 1m ist zum grossen Teil aufgefüllt mit Felsabbruchmaterial und kleinen Baumstämmen - im Winter zusätzlich mit Schnee und Eis.

Das Gebäude leidet neben der Felssturzgefahr unter dem Eindringen von Feuchtigkeit. Einzig im Dachbereich sind vor fünf Jahren Notmassnahmen ergriffen worden und das Kuppeldach wurde provisorisch abgedichtet um Schlimmeres zu verhindern. Unmittelbar hinter dem nördlichen Kuppelbereich liegen 2 der 3 Quellfassungen, die den Hygienevorschriften nicht mehr genügen und saniert werden müssen.

 

Ensemble Nairs

Die Büvetta ist das Architekturjuwel im Ensemble Nairs.

Zum Ensemble gehören ausser dem Kurhaus Tarasp die Villa Victoria (als Hotelerweiterung mit 30 Zimmern), ebenfalls von Architekt Bernhard Simon erstellt. Als weiteres hochkarätiges Gebäude kam 1913 das Badhaus dazu. Dieses gehört der Fundaziun NAIRS und wird seit 28 Jahren als Zentrum für Gegenwartskunst genutzt. Das denkmalpflegerisch sorgfältig sanierte Haus ist im Sommer 2016 wiedereröffnet worden und kann nun ganzjährig betrieben werden. Es beinhaltet 10 Ateliers für Artists in Residence, Foyers, Ausstellungsräume und einen grossen multifunktionalen Veranstaltungsraum. Die Zukunft für das Badhaus ist gesichert und wird sowohl von der Gemeinde, der Region wie auch der Bevölkerung getragen.

Das Kurhaus Tarasp wurde im 2014 von einer amerikanischen Investorengruppe aus Delaware gekauft und befindet sich im Umbau. Dieser verläuft stockend  und die Wiedereröffnung ist kürzlich vom Jahr 2016 ins Jahr 2017 verschoben worden. Die Kommunikation mit den Eigentümern ist schwierig, die Zukunft ungewiss; kann man der spärlichen Kommunikation Glauben schenken, wird das Hotel im Sommer 2017 wieder eröffnet.

Ebenfalls Teil des Ensembles Nairs ist eine grosse (heute ungepflegte) Parkanlage mit einer Orchesterbühne, Tennisplätze und ein heute inaktiver Geysir. Historische Wege und Brücken verbinden die einzelnen Gebäude untereinander.

 

Absicht. Ziel

Der historische und architektonische Wert der Büvetta wird sehr hoch eingestuft. Der sichtbar fortschreitende Zerfall ruft nach Sofortmassnahmen und einer umfassenden Sanierung. Die Quellen sollen dabei geschützt, neu gefasst und eine angepasste zeitgemässe Nutzung gefunden werden. Diese soll eine Ergänzung zu den bestehenden Aktivitäten am Ort (Gegenwartskunst / Hotelnutzung) sein. 

Nairs soll eine kulturelle und wissenschaftliche Attraktion zum Thema WASSER werden, die touristisch einzigartiges Potenzial aufweist: Für das Unterengadin, für die Destination Scuol Samnaun Val Müstair, für Graubünden und darüber hinaus. Analog dem Nationalparkzentrum in Zernez, welches umfassend für geschützte Natur steht, kann das Ensemble Nairs mit der Büvetta und dem Wasser der Gesundheitsregion Unterengadin die kulturelle und historische Basis zurückgeben. Gegenwärtig stehen die Vorzeichen gut, da zwei grosse Aufgaben der Region, die Zukunft für das Schloss Tarasp und die Sanierung des Kulturhauses in Nairs gelöst sind.

Die strategische Positionierung der Tourismus-Destination im Bereich Wellness/ Gesundheit ist erklärtes Ziel der Region. Das Ensemble Nairs spielt darin die entscheidende Rolle.

 

Organisation

Im März 2012 wurde der Verein Pro Büvetta Tarasp gegründet mit dem Ziel die Büvetta vor dem Verfall zu retten, diese zu sanieren und wieder zugänglich zu machen. Im Vorstand sind u.a. der Gemeinde-präsident von Scuol, der Tourismusdirektor und der Direktor der Fundaziun Nairs. Die rund 150 Mitglieder sind Persönlichkeiten aus der Talschaft und Unterländer, die einen Bezug zum Engadin haben oder hier aufgewachsen sind. Der Verein hat ideell grosse Anerkennung, aber noch keine massgeblichen Geldgeber gefunden.

Momentan laufen die Vorbereitungen, die inventarisierte Büvetta unter Denkmalschutz zu stellen und damit den Kanton Graubünden stärker in die Verantwortung einzubinden. Gleichzeitig wird eine Stiftung gegründet, die die Büvetta von der Gemeinde übernehmen soll. Der heutige Verein ‚Pro Büvetta Tarasp’ wird in einen Förderverein der Stiftung umgewandelt.

 

Kosten. Öffentliche Beiträge

Die von Fachleuten und Ingenieuren geschätzten Kosten für die Felssanierung betragen CHF 2 Mio. Verschiedene Personen mit Erfahrung im Renovationsbereich schätzen für die Sanierung der Büvetta einen Betrag von CHF 6 bis 8 Mio. Zusätzlich muss für die Sanierung Quellfassungen Geld eingeplant werden. Wir reden also von einer Gesamtinvestitionssumme von CHF 10-12 Mio.

Sobald die obenerwähnten rechtlichen Massnahmen (Unterschutzstellung, Stiftungsgründung) erfolgt sind, kann damit gerechnet werden, dass die Felssanierung massgeblich vom Kanton (Amt für Wald und Naturgefahren) übernommen wird. Von den anfallenden Kosten der denkmalpflegerischen Gebäude-sanierung wird 40% von der Denkmalpflege erwartet. Die restlichen Kosten müssen von Stiftungen, privaten Gönnern, Investoren und der Gemeinde Scuol getragen werden.

 

Nutzungskonzept. Neue Blütezeit

Das Resultat eines Workshops und die anschliessende Überarbeitung in einer Arbeitsgruppe kommt zum Schluss: Das weltumspannende Thema Wasser hat gerade in Zukunft zentrale Bedeutung! Diesem Umstand soll Rechnung getragen werden. Das Abgeben von Heilwasser allein genügt aber nicht. Es gibt wohl kaum einen besseren Ort das Wasser zu erleben und gleichzeitig das Thema zu ‚bewirtschaften’, zu kommunizieren und weltweit zu vernetzen. Sobald die Unterschutzstellung sowie die Felssanierung gesichert sind, muss über weitere konkrete Nutzungen nachgedacht werden.

 

Wir streben eine zeitgemässe Nutzung an, welche gesellschaftlich relevant ist und dort anknüpft, wo die Pioniere des 19. Jahrhunderts angesetzt haben. Der Ort mit seinen Quellen und der spezifischen Geschichte soll auch in Zukunft im Zentrum stehen. Der Nukleus hat einzigartige Qualitäten, die es zu retten, neu zu interpretieren und in die Zukunft zu führen gilt. Dabei sollen die Zusammenarbeit und die Synergien unter den Akteuren in Nairs gepflegt, gefördert und von Hotels und der ganzen Tourismusregion unterstützt werden. Schliesslich wird Nairs zum Kultort des Unterengadins! 

 

Die Büvetta war zu ihrer Blütezeit das Zentrum für alle Gäste, die zur Genesung, Kur und zu gesellschaftlichen Treffen das Unterengadin besuchten. Gemäss Schilderungen und alten Fotos wurde das Inn-Ufer und die Büvetta von über 200 Personen gleichzeitig besucht.

Wenn dereinst die restaurierte Büvetta ihre Türen wieder öffnet, ist die Nutzung ähnlich wie damals, jedoch der heutigen Zeit und Gesellschaft angepasst. Die Heilquellen sind neu gefasst und werden wieder genutzt,  die alten „Verkaufsbuden“ stehen für aktuelle Ausstellungen zum Thema Wasser offen, die kleine Orchesterbühne und die Rotunde mit ihrer grossartigen Akustik werden für stilvolle Konzerte genutzt. Das Haus verfügt über eine einfache Infrastruktur für Caterer und steht auch für private Anlässe wie Versammlungen und Hochzeiten offen. Als Bestandteil vom Ensemble Nairs und als Zentrum der Region mit der höchsten Mineral- und Heilquellendichte, ist in der Büvetta auch künftig wieder mit einer gleichzeitigen Besucherzahl von bis zu 250 Personen zu rechnen.

 

Zermatt hat das Matterhorn kostenlos und physisch präsent. Scuol-Tarasp hat den Kraftort Nairs: das spüren die Besucher heute genauso wie Persönlichkeiten wie Berthold Auerbach, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch oder andere, die den Ort erlebt und beschrieben haben.